Obwohl bereits seit sechs Jahren am Markt vertreten, tut sich der Web-TV-Dienst
Zattoo hierzulande bislang schwer, mit seinem Angebot Gewinne einzufahren. In diesem Jahr soll der Sprung in die Profitzone allerdings endlich gelingen. Schützenhilfe erhoffen sich die Schweizer dabei vor allem von der im Juni beginnenden Fußball-Europameisterschaft. "Das ist ein extrem wichtiges Event, auf das wir uns schon seit Monaten vorbereiten", sagte der neue
Zattoo-Chef Nick Brambring im Interview mit dem Branchendienst Meedia.
Sportliche Großereignisse bringen neue Nutzer
Auch in der Vergangenheit sorgten bei Zattoo sportliche Großereignisse wie etwa die olympischen Winterspiele in Vancouver regelmäßig für neue Zuschauerrekorde. Erklärtes Ziel für die kommende Fußball-EM ist eine Steigerung der Nutzerzahlen um 40 Prozent auf durchschnittlich mehr als eine Million pro Monat. Derzeit schalteten monatlich lediglich 600.000 Interessierte regelmäßig einen der Zattoo-Känale ein. Nur ein Bruchteil davon sei zudem bereit, für Zusatzleistungen wie Werbefreiheit, zusätzliche Sender oder eine bessere Bildqualität monatlich bis zu 9,90 Euro zu überweisen, so Brambring.
Gerade einmal 5 Prozent oder aktuell rund 20.000 Zuschauer hätten demnach ein Premium-Abo gebucht. Durchschnittlich zahle jeder Abonnent dabei rund 4 Euro. Diese Werte seien zwar stabil, eine Steigerung durch das vermehrte Setzen von Bezahl-Anreizen werde aber angestrebt. Ob die kürzlich testweise zunächst für die Sender
ARD, ZDF und Arte eingeführte HD-Option entsprechende Effekte nach sich ziehen wird, mache sich aber noch nicht bemerkbar. Wichtigste Einnahmequelle bleiben daher auch mittelfristig Werbeerlöse, die drei Viertel des Zattoo-Gesamtumsatzes ausmachen. Dies sei auch einer der Gründe gewesen, die Länge der beim Zappen eingespielten Spots auf das übliche Fernsehformat auszudehnen. "Vor sechs Jahren, als wir mit Zattoo anfingen, haben wir noch gedacht, es reicht, wenn ein Spot sechs Sekunden lang ist. Etwa 2008 haben wir gemerkt, dass wir auch richtige TV-Spots zulassen müssen, sonst verwirrt das die Industrie", erklärte Brambring. In dieser Zeit steckte das Unternehmen aufgrund einer verfehlten Geschäftsstrategie in der Krise und musste massiv Stellen abbauen. Von ursprünglich 60 Mitarbeitern blieben 25 übrig.
Verhandlungen mit deutschen Privatsendern bleiben schwierig
Seit 2009 sei man dank der Neuausrichtung aber wieder auf Kurs. "Wir haben verstanden, was es braucht, das Geschäft profitabel zu betreiben", so der Zattoo-Chef. Für Nutzer, die sich über die vorgeschalteten Produktfilmchen lauthals beschweren, hat der erst seit Februar amtierende CEO daher nur begrenztes Verständnis. "Die Werbetreibenden haben nach wie vor das Bedürfnis, ihre Spots eins zu eins einzusetzen. Diesen Kompromiss zwischen Usability und Monetarisierung müssen wir eingehen", betonte Brambring. Im Gegensatz zu vielen anderen Angeboten mit Spot-Flankierung stimme bei Zattoo zudem das Verhältnis von Verweildauer und Cliplänge. Davon abgesehen hat der eidgenössische Streaming-TV-Provider auch kaum eine andere Wahl. Während Zattoo in seinem Heimatmarkt Schweiz bereits Profite erwirtschaftet, blieb die Bilanz zwischen Hamburg und München trotz aller Anstrengungen bisher rotstichig. Brambring will nun die Wende schaffen: "Wir werden in diesem Jahr in Deutschland schwarze Zahlen schreiben. Und wir werden wieder beginnen, Gas zu geben und neue Märkte zu erschließen."
Eines der ungelösten Probleme im Kampf um die hiesigen Zuschauer ist allerdings die Abwesenheit der beiden größten deutschen Privatsendergruppen RTL und ProSiebenSat.1. Zumindest bei dem Kölner Sender sind die Aussichten eher schlechter geworden. "Vor zwei Jahren hieß es von RTL noch, sie wollten auf möglichst vielen Kanälen vertreten sein. Nun setzen sie auf eigene Lösungen", sagte der promovierte Jurist gegenüber Meedia. Mit ProSiebenSat.1 sei man aber regelmäßig im Gespräch. Substanziellere Fortschritte gibt es bei der geplanten Integration von Social-Media-Elementen. Neben der Einführung und Verbesserung von persönlichen Empfehlungen für die Nutzer sei dies das wichtigste Thema derzeit. Dabei müsse aber sichergestellt sein, dass die Einfachheit der Plattform gewahrt bleibe. "Wir arbeiten also gerade mit Designern daran, die Usererfahrung so zu optimieren, dass es nicht aufdringlich wirkt", so Brambring.