Die schleppende Versorgung mit schnellen Breitbandanschlüssen in Deutschland ist aus Sicht der Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur, Iris Henseler-Unger, keine Folge einer falschen Regulierungspolitik. Vielmehr gebe es eine insgesamt zu geringe Investitionsquote im Telekommunikationssektor. Vor allem der Glasfaserausbau bleibe daher weit unter seinen Möglichkeiten, sagte Henseler-Unger am Mittwoch auf der Euroforum-Konferenz "TK Europa 2012" in Düsseldorf.
"Regulierung kein Investitionshemmnis"
Henseler-Unger forderte die Branche auf, mehr für die Versorgung mit schnellen Internetanschlüssen zu tun. Mit Blick auf die Deutsche Telekom sagte sie mit ironischem Unterton, diese sei zwar "unser Regulierungsopfer", jedoch unterliege letztendlich nur ein Bruchteil der Entgelte überhaupt einer Regulierung. Erst am Dienstag hatte Telekom-Deutschland-Chef Niek Jan van Damme gegenüber dem Berliner "Tagesspiegel" beklagt, die aktuelle Regulierung laufe in eine falsche Richtung, wenn sie die Preise immer weiter absenke. Dieser Darstellung widersprach Henseler-Unger entschieden. So seien im Festnetzbereich lediglich rund 11 Prozent der Kosten reguliert; im Mobilfunkbereich betrage die Quote nur 7,5 Prozent. Dies könne daher kaum als Ursache für fehlende Investitionen herangezogen werden.
Vielmehr werde im Bereich des Hochleistungsbreitbands allgemein zu zögerlich agiert. Im Glasfaser-Segment bleibe der Ausbau daher selbst im ungünstigsten Fall unterhalb des Machbaren. Ein Grund sei die Sättigung des Festnetzmarktes und die fehlende Nachfrage nach höheren Bandbreiten, während diese im Mobilfunkbereich weiterhin hoch bleibe. "Im Festnetz fehlt ein Produkt, dass ähnlich 'sexy' ist, wie Smartphones und Apps im Mobilfunksektor", betonte Henseler-Unger. Einzig IPTV und Cloud-Computing eigneten sich, den Wunsch der Kunden nach mehr Geschwindigkeit zu wecken und damit auch die Zahlungsbereitschaft unter den Nutzern zu steigern.
Fordert mehr Engagement im Glasfaserausbau: Iris Henseler-Unger, Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur. Bild: onlinekosten.de
Eine Million Glasfaseranschlüsse bis Ende 2011
Schnelles Breitband bleibt daher rar: Ende 2011 zählte die Bundesnetzagentur lediglich eine Million Glasfaseranschlüsse – bei insgesamt 27,3 Millionen Breitbandzugängen. Antreiber bei den Festnetz-Hochgeschwindigkeitsangeboten seien dabei die Kabelanbieter mit 3,6 Millionen Anschlüssen, so die Vizepräsidentin. VDSL werde hingegen lediglich von 671.000 Haushalten genutzt, obwohl prinzipiell elf Millionen Haushalte theoretisch Zugang dazu hätten. Das für 2014 anvisierte Ziel von einer Versorgung von 75 Prozent der Haushalte mit Internetzugängen oberhalb von 50 Megabit pro Sekunde (MBit/s) werde daher voraussichtlich verfehlt, konstatierte Torsten Gerpott, Telekommunikationsexperte an der Universität Duisburg-Essen. Auch Gerpott sieht vor allem die Anbieter in der Pflicht, neue Finanzierungsmodelle für den Breitbandausbau zu finden. Im Glasfasersegment könnten diese etwa analog zu den Kabelnetzbetreibern in einem Einstieg ins TV-Geschäft sowie dem Angebot von Cloud-Diensten für Geschäftskunden liegen. Dafür sei aber ein "langer Atem" notwendig.
Weitere Impulse in der Breitbandversorgung soll die vor kurzem verabschiedete Novelle des Telekommunikationsgesetzes liefern – etwa über freiwillige Zugangsangebote der Netzbetreiber über Open Access. Darüber hinaus setzt die Bundesnetzagentur auf Synergieeffekte. Derzeit werde etwa ein Infrastrukturatlas erstellt, um die Verlegung neuer Internetleitungen effizienter gestalten zu können, sagte Henseler-Unger. Dafür würden Infrastrukturbetreiber sukzessive angeschrieben und um entsprechende Informationen gebeten. Bis Ende des Jahres sollen die gesammelten Daten auch online abrufbar sein. Als wichtige Errungenschaft sieht die Behördenchefin aber auch die verbesserten Verbraucherrechte wie den Wechsel des Anschlusses innerhalb eines Tages. Es sei eine "Schande", dass es der Branche auch nach 14 Jahren nicht gelungen ist, den Anbieterwechsel im Breitbandbereich kundenfreundlich zu gestalten.