Die klassische ADSL-Technologie bietet weder technisch noch kommerziell weitere Wachstumsperspektiven. Vor allem die Wettbewerber der Deutschen Telekom, die alternativen DSL-Provider in Deutschland, stehen daher in einem gesättigten Gesamtmarkt vor der Herausforderung, sowohl dem anhaltenden Preisverfall als auch steigenden Bandbreitenanforderungen mit neuen Strategien zu begegnen. Dies entpuppt sich als schwieriges Unterfangen, denn der Kundenstrom wendet sich zunehmend ab. Zulauf erhalten mittlerweile fast ausschließlich die Kabelnetzbetreiber. Rund 70 Prozent der insgesamt rund 1 Million neu angeschlossenen Breitbandkunden entschieden sich 2011 für Internet über Kabel, die übrigen 30 Prozent für ein Telekom-Angebot. Der Anteil der kabelbasierten Internetzugänge an den 27,4 Millionen stationären Breitbandanschlüssen betrug damit Ende 2011 bereits 13,5 Prozent, nach 11,4 Prozent ein Jahr zuvor. Das geht aus einer aktuellen Marktanalyse hervor, die der Telekommunikationsexperte und Universitätsprofessor Torsten Gerpott in der vergangenen Woche auf der Euroforum-Konferenz "TK Europa 2012" in Düsseldorf vorstellte.
DSL-Attraktivität sinkt
Während die drei größten Kabelanbieter Unitymedia, Kabel Deutschland und Kabel BW die Zahl ihrer Breitbandanschlüsse innerhalb eines Jahres zwischen 22 und 33 Prozent erhöhen konnten, haben Internetanbieter wie 1&1, Vodafone, Versatel oder Telefónica Germany (o2) ihre Attraktivität für Neukunden weitgehend eingebüßt. Ihre Marktanteile im stationären Breitbandgeschäft sind rückläufig: 2010 gehörten noch 43,1 Prozent der insgesamt 26,4 Millionen Breitbandanschlüsse zu einem der meist DSL-basierten alternativen Wettbewerber, ein Jahr später lag ihr Anteil bei nur noch 41,6 Prozent. Aber auch die mit einem Marktanteil von rund 45 Prozent noch komfortabel ausgestattete Deutsche Telekom spürt trotz bestehender Kundenzuwächse den Druck aus dem Kabelsegment.
Ursächlich für die Entwicklung am Markt sind laut Gerpott aber mehrere Faktoren. So sei das Nachfragewachstum bei festnetzbasierten Breitbandzugängen mittlerweile abgeflacht. Größere Kundenakquisitionen kämen daher nur noch zustande, wenn Bestandskunden zu einem Wechsel motiviert werden könnten. Was bei den Kabelanbietern aufgrund des Geschwindigkeitsvorteils in den Ausbaugebieten noch vergleichsweise einfach gelingt, ist im DSL-Segment aufgrund geringer Unterschiede zwischen den Providern aber schwierig. Zudem werde das Abwerben von Privatkunden generell dadurch erschwert, dass die Wechselbereitschaft auf Nutzerseite allgemein gering sei, erklärte Gerpott. Es gelte hier vielfach das Motto "Never change a running system" – nicht zuletzt aufgrund von negativen Erfahrungen mit vergangenen Bestell- und Umschaltprozessen. Die Unternehmen seien daher gefragt, Qualitätsverbesserungen zu implementieren, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Allerdings hat nun ohnehin der Gesetzgeber interveniert und eine maximal zulässige Versorgungsunterbrechung bei Anbieterwechseln von einem Tag im Rahmen der Änderung des Telekommunikationsgesetzes festgeschrieben.
Telekommunikationsexperte Torsten Gerpott sieht die DSL-Branche unter Druck. Bild: onlinekosten.de
Nachfrage nach hohen Bandbreiten noch gering
Als ungelöstes Hauptproblem der gesamten Branche sieht Gerpott die 2011 zum sechsten Mal in Folge von 60,8 auf nunmehr 60,3 Milliarden Euro gesunkenen Gesamtumsätze mit Telekommunikationsdiensten, verbunden mit einer geringen Bereitschaft auf Kundenseite, für ein Mehr an Bandbreite tiefer in die Tasche zu greifen. Hinzu komme eine niedrige Nachfrage nach hohen Übertragungsraten. Grund dafür seien vor allem fehlende Anwendungen, die eine solche Aufrüstung notwendig machten oder entsprechende Anreize setzten. Im Festnetzbereich gebe es mit IPTV zwar einen potenziellen Wachstumstreiber, jedoch bleibe das Internet-Fernsehen in Deutschland bisher unter den Erwartungen.
Der Vermarktungserfolg sei mit 3 bis 4 Prozent aller TV-Haushalte trotz kontinuierlicher Steigerungen nur "mäßig", so Gerpott. Mit ihrem bereits seit Ende 2006 am Markt vertretenen Angebot "Entertain" beliefere die Deutsche Telekom beispielsweise lediglich 12 Prozent aller hauseigenen Breitbandkunden, während etwa die Schweizer Swisscom mittlerweile mehr als jeden dritten Kunden mit Web-TV versorge – bei Wachstumsraten von zuletzt 10 Prozent innerhalb eines Jahres gegenüber lediglich rund 2 Prozent bei der Telekom.